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Folge 10 - Der unsichtbare Start des Fellwechsels

Fellwechsel beim Pferd: Wann er wirklich startet, was ihn auslöst und wie du dein Pferd optimal unterstützt

Der Fellwechsel beim Pferd gehört für viele Pferdebesitzer zu den typischen “Übergangszeiten-Problemen”: Überall fliegen Haare herum, die Putzkiste sieht aus wie ein Pelzball – und manche Pferde wirken plötzlich schlapp oder empfindlicher als sonst. Besonders verwirrend ist es, wenn Pferde schon im Januar anfangen Fell zu verlieren, obwohl es draußen noch winterlich kalt ist.

Genau hier lohnt sich ein genauer Blick: Der Fellwechsel wird nicht durch die Temperatur ausgelöst, sondern durch Licht. Und er beginnt oft viel früher, als viele denken. In diesem Blogartikel erfährst du, wann der Fellwechsel wirklich startet, warum er im Gehirn getriggert wird, weshalb Pferde unterschiedlich schnell wechseln – und wann ein sehr später Fellwechsel ein Hinweis sein kann, genauer hinzuschauen.

Was ist Fellwechsel beim Pferd?

Unter Fellwechsel verstehen wir meist den Moment, in dem das Pferd sichtbar Fell verliert: Beim Putzen “schneit” es, in der Decke hängen Haare und im Stall liegt gefühlt überall Fell. Biologisch betrachtet ist Fellwechsel aber mehr als nur Fellverlust: Es ist ein hormonell gesteuerter Prozess, bei dem das Pferd sein Fell an die kommende Jahreszeit anpasst.

Wichtig: Das Fell ist kein “totes Material”. Haare wachsen kontinuierlich – ähnlich wie bei uns Menschen. Der Unterschied ist, dass Pferdehaare in verschiedenen Wachstumsphasen leben und der sichtbare Fellwechsel nur ein Teil des gesamten Zyklus ist.

Wodurch wird der Fellwechsel ausgelöst? (Spoiler: nicht durch Kälte oder Wärme)

Einer der häufigsten Mythen lautet: “Jetzt wird’s wärmer, darum wechselt das Pferd das Fell.” Tatsächlich wird der Fellwechsel beim Pferd vor allem durch die Tageslänge (Photoperiodik) ausgelöst – also durch die Menge an Licht, die das Pferd täglich wahrnimmt.

Der Startpunkt liegt im Gehirn: Mit der Veränderung der Tageslänge verändert sich die Melatoninproduktion. Melatonin wirkt dabei wie ein “Zeitgeber” für saisonale Prozesse. Über eine hormonelle Kaskade (unter anderem mit Beteiligung der Schilddrüse) wird dann der Fellwechsel angeschoben.

Das erklärt auch, warum viele Pferde bereits ab Ende Dezember “im Prozess” sind: Der kürzeste Tag des Jahres liegt rund um die Wintersonnenwende. Danach werden die Tage wieder länger – und genau das setzt den hormonellen Mechanismus in Gang, auch wenn es draußen noch friert.

Startet der Fellwechsel wirklich schon im Dezember?

Ja – zumindest der innere Startschuss. Viele Pferdebesitzer bemerken den Fellwechsel erst, wenn es sichtbar wird. Doch die hormonellen Vorbereitungen im Körper laufen häufig schon Wochen vorher.

Der sichtbare Teil – also der Zeitpunkt, an dem dein Pferd wirklich aktiv Fell verliert – ist oft eine kurze Übergangsphase. Typischerweise dauert diese “Fellflug-Phase” nur einige Wochen und tritt im Frühling und im Herbst auf.

Das ist wichtig für die Praxis: Wenn du erst reagierst, wenn das Fell überall liegt, ist der Körper bereits mitten im Prozess – und der Stoffwechsel hat schon einiges geleistet.

Ist mein Pferd das ganze Jahr im Fellwechsel?

Im erweiterten Sinn: ja, weil Haare grundsätzlich wachsen und sich ständig erneuern. Im klassischen Sinn (sichtbar, massiver Fellverlust): nein. Das Fell durchläuft verschiedene Phasen:

  • Ruhephase: wenig Aktivität, kein aktives Wachstum

  • Wachstumsphase: neues Haar wächst nach

  • Übergangsphase: Wachstum verlangsamt sich – hier wird der Fellwechsel sichtbar

Der “visuelle Fellwechsel” ist also nur der Abschnitt, den du als Besitzer deutlich wahrnimmst. Er ist im Verhältnis zum Gesamtprozess eher kurz – aber für den Stoffwechsel kann er trotzdem intensiv sein.

Warum wechseln Pferde unterschiedlich schnell?

Vielleicht kennst du das: Im selben Stall verliert ein Pferd schon im Januar Fell wie verrückt, während das andere noch aussieht wie ein Teddybär. Das ist normal, denn neben der Tageslänge beeinflussen viele Faktoren den Zeitpunkt und die Intensität:

  • Rasse und Fellstruktur (z.B. Spanier vs. Isländer/Shetland)

  • Alter

  • Gesundheitszustand

  • Hauttemperatur, Durchblutung und lokale Faktoren

  • individuelle hormonelle Sensitivität (wie stark ein Pferd auf den “Licht-Reiz” reagiert)

Heißt: Gleicher Trigger – aber unterschiedliche Reaktion.

Später Fellwechsel beim Pferd: Wann ist es auffällig?

Es gibt keinen exakten Stichtag, aber als grobe Orientierung gilt: Bei vielen Pferden wird der Fellwechsel zwischen Mitte Februar und Mitte März sichtbar. Wenn ein Pferd hingegen sehr spät erst in den sichtbaren Fellwechsel kommt (z.B. Mai oder sogar Juni), kann das ein Zeichen sein, genauer hinzuschauen.

Warum? Weil ab dem längsten Tag im Jahr (Sommersonnenwende, Juni) der Körper bereits wieder Richtung “Umkehr” steuert. Wenn ein Pferd dann erst spät fertig wird, fehlt ihm Zeit für eine stabile Phase zwischen den Zyklen.

Mögliche Ursachen für sehr verzögerten Fellwechsel können sein:

  • Hormonelle Erkrankungen, besonders PPID (Cushing)

  • Mikronährstoffmängel oder Ungleichgewichte

  • Allgemeine gesundheitliche Belastungen, die den Stoffwechsel bremsen

Wenn du über mehrere Jahre beobachtest, dass dein Pferd extrem spät wechselt oder stark Probleme hat: Ein Gespräch mit dem Tierarzt und ggf. ein Blutbild können sinnvoll sein.

Wetterchaos & Fellwechsel: Was tun, wenn es plötzlich wieder kalt wird?

Weil Fellwechsel lichtgesteuert ist, kann es passieren, dass das Pferd im Frühling bereits stark Fell verliert – und dann kommt nochmal Schnee oder eine kalte Phase. Pferde können dann frieren (z.B. Zittern). Das ist nicht automatisch gefährlich, bedeutet aber: Der Energiebedarf steigt.

Praktische Unterstützung kann sein:

  • Unterstand / Windschutz sicherstellen

  • bei Bedarf eindecken (situationsabhängig)

  • Fütterung im Blick behalten, damit das Pferd nicht ungewollt abnimmt

Umgekehrt kann es im Herbst passieren, dass ein Pferd schon Richtung Winterfell unterwegs ist und dann eine warme Wetterphase kommt: Das Pferd schwitzt schneller und wirkt “überhitzt”. Auch hier hilft angepasstes Management (Training, Decken, ggf. Scheren bei passenden Kandidaten).

“Fellwechsel-Zusatzfutter”: sinnvoll oder Marketing?

Rund um den Fellwechsel gibt es viele Kuren und Zusatzfutter, die “Fellwechsel-Unterstützung” versprechen. Das kann im Einzelfall hilfreich sein – aber es lohnt sich, kritisch hinzuschauen.

Denn Fellwechsel ist eine metabolisch anspruchsvolle Zeit. Zusätzliche Produkte können unterstützen, aber auch belasten – besonders bei sensiblen Pferden oder Stoffwechselkandidaten.

Besser ist oft der Ansatz: Basis zuerst – eine solide Grundversorgung und gezielte Anpassungen statt pauschaler “Fellwechsel-Kur”.

Fazit: Fellwechsel verstehen, Pferd besser begleiten

Der Fellwechsel beim Pferd beginnt nicht “wenn es warm wird”, sondern wird über die Tageslänge im Gehirn hormonell gesteuert. Viele Pferde sind bereits ab Ende Dezember im Prozess – sichtbar wird es oft erst Wochen später. Dass Pferde unterschiedlich schnell wechseln, ist normal. Ein extrem später Fellwechsel kann aber ein Hinweis sein, Gesundheit und Versorgung einmal genauer zu prüfen.

Wenn du dein Pferd im Fellwechsel optimal unterstützen willst, gilt: Beobachten, Basisversorgung ernst nehmen und bei auffälligen Abweichungen lieber einmal gezielt abklären – statt nur Fell wegzubürsten.

 
 
 

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